Wladimir Vilenchyts

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Wladimir Vilenchyts (Mkrtchan) wurde 1971 in Svierinov in Weissrussland geboren, sein Vater war Berufssoldat, die Mutter Grundschullehrerin. Er besuchte eine Schule fuer Bergbau im Donezbecken, arbeitete ein Jahr lang als Bergmann, und kehrte schliesslich nach zweijaehrigem Wehrdienst zu seiner Familie zurueck.
Sein wachsendes Interesse fuer die Malerei wurde zusaetzlich verstaerkt durch Kontakte zu lokalen Kuenstlern auf verschiedenen Kunst-Strassenmaerkten in Minsk. Dann wagte Wladimir erste eigene Versuche. Verblueffend ist dabei die Leichtigkeit, mit der der junge Mann, der keinerlei kuenstlerische Ausbildung besitzt, wahrgenommene Weltausschnitte auf die Leinwand uebertraegt. Es genuegten ihm die Betrachtung der ausgestellten Arbeiten auf den Maerkten, das Stoebern in Alben mit Reproduktionen sowie einige handwerkliche Hinweise seines Bruders, der bereits als Maler taetig war, um in kurzer Zeit eigene Darstellungen zu entwerfen. Zusammen mit den ersten Bildern taucht auch der erste Maezen auf, der zugleich staendiger Abnehmer der Arbeiten von Vilenczyc ist. Und schon innerhalb eines Jahres erweitert sich betraechtlich der Kreis der Interessenten, die bei ihm Bilder bestellen.
Auf diese Weise finanziell unabhaengig geworden, kann der Kuenstler die lange ersehnte Reise in den Westen antreten. Er laesst sich im polnischen Teil des Riesengebirges nieder, wo ihm die Malerei vom ersten Tag an hilft, die Schwierigkeiten des Neuanfangs zu meistern. Waldimir bezahlt mit seinen Bildern sein Zimmer, Heizmaterial, alles Noetige, was er braucht, manchmal kommt auch ein wenig Erspartes zusammen, der Kreis der Abnehmer vergroessert sich.

Die Gemaelde Wladimir Vilenchyts’ kreisen um zwei thematische Pole – Landschaft und Stilleben. Menschliche Gestalten sieht man selten. Es ist, als suchten diese menschenleeren Bilder die Schoenheit in Phaenomenen der Natur, nicht im Menschen.
Was den Kuenstler interessiert, ist nicht der Mensch, sondern der Gegenstand seiner Kultur, das Artefakt, das er hinterlaesst. Dargestellte Gegenstaende sind zum Beispiel ein alter Krug, eine Schale, ein Becher – spaeter auch Buecher, Reproduktionen aus dem 19. Jahrhundert. Gelegentlich gesellt sich ein Element der Natur dazu – eine halbierte Melone, eine Zitrone, eine Birne. Die Konfrontation dieser beiden von jeher aneinander sich reibenden Kraefte (Natur und Kultur) wird gemildert durch eine Atmosphaere der Wuerde, die das Dargestellte durchdringt. Unabhaengig davon, ob es sich um einen Becher handelt, eine Frucht oder ein altes Buch – alles wird eingehuellt von dieser Aura.
Vilenczyc spielt mit dem Blick des Betrachters. Unterwegs im Bildraum anderer ausgestellter Arbeiten, wird er von den Gemaelden Wladimirs unweigerlich angezogen. Bewirkt wird dies nicht nur durch das staendige Spiel zwischen dem taeuschenden Realismus des Gegenstandes und der Distanz seiner hieratischen Komposition, sondern auch durch einen Kunstgriff, den der Maler schon in seinen ersten Bildern angewandt hat.
Nahezu alle Stilleben von Vilenchyts enthalten ein Element in einer „unguenstigen“ Position. Mal ist es ein Schluessel, der scheinbar jeden Augenblick vom Tisch faellt, mal ist es ein gleitendes Stueck Papier, dass man eben noch auffangen moechte, mal eine Serviette am Tischrand, gerade noch gehalten von einer leichten Vase. Wladimir spielt mit den Gesetzen der Physik, nicht so, dass die Kompositionen disharmonisch werden, doch in genuegendem Masse, um zu verblgueffen, um den Blick des Betrachters fuer sich zu gewinnen.
Dieser Effekt verstaerkt den maximal entwickelten Realismus, angesichts dessen der Betrachter sich mehr als einmal verwirrt ins Bewusstsein ruft, dass er ein Oelgemälde vor sich sieht und keine Fotografie. Die anziehungsstarke Illusion weckt den Wunsch, sich dem Bild zu naehern, sich wieder zu entfernen, um sich erneut zu naehern, es aus anderem Winkel zu betrachten, und sei es, um sich zu versichern, dass das am Tischrand plazierte Buch doch nicht faellt, um sich zu fragen, ob der im Grenzenlosen der Landschaft sich verlierende Weg nicht jener ist, den wir begehen, oder ob die zur Haelfte geschaelte Apfelsine keine Flecken auf der schneeweissen Serviette hinterlaesst. Vilenczyc versetzt uns diesen kleinen Stich, noetigt uns, zu pruefen, ob es noch Wirklichkeit oder bereits reine Vorstellung ist.
Der Realismus der Darstellung zieht uns an, die hieratische Komposition geht auf Distanz. Und waere nicht jene „unguenstige Position“, man koennte glauben, die arrangierten Gegenstaende wuerden ewig bleiben. Kruege, Flaschen, Karaffen erinnern an gotische Wimperge, die Jahrhunderte ueberdauert haben. Wer bist du, so scheint Vilenczyc zu fragen, angesichts eines jahrhundertealten Buches, angesichts eines von der Zeit unversehrten Gemaeldes, angesichts ... der Kultur, die du lediglich mitgestalten kannst, als eines ihrer vergaenglichen Teilchen?